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Selbsttötung-Selbstmord-Suizid

Einführung

Die Auseinandersetzung mit Selbsttötung und Selbsttötungsversuchen hat die Menschheit im Laufe der Geschichte immer wieder beschäftigt. Das Thema Selbsttötung ist nicht nur in der medizinisch - psychiatrischen Wissenschaft behandelt worden. Die Kultur - und Literaturgeschichte hat sich, wie auch die Religionswissenschaften, die Soziologie und die Psychologie, in vielfältiger Weise mit diesem Thema auseinandergesetzt. Bereits in der Mythologie gehört die Selbsttötung zu den Ereignissen, die eine Tragödie einleiten oder auch beenden können.
Die erste Bibliographie über die Selbsttötung erschien 1890 von Emilio Motta in italienischer Sprache. Im Jahre 1927 erschien, herausgegeben von Hans Rost die erste deutschsprachige Bibliographie der Selbsttötung.
Die Soziologie hat sich sehr früh der Erforschung des Suizides zugewandt. Die auch heute noch bedeutsame Arbeit "Der Selbstmord" von Emile Durkheim (1897) beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Entwicklung und der Entwicklung der Suizidhäufigkeiten. Durkheim kommt zu dem Schluss, dass die Suizidhäufigkeit um so größer ist, je mehr die gemeinsamen Werte in einer Gesellschaft auseinanderfallen und an Bedeutung verlieren; demgegenüber fällt die Suizidrate, wenn die Gesellschaft in hohem Maße gemeinsame Werte hat. Durkheim berichtete bereits 1896 von der relativ hohen Zahl von Kinder -/ Jugendlichensuiziden in Städten und schreibt: "Man darf nämlich nicht übersehen, dass auch das Kind sozialen Bedingungen unterworfen ist, die es durchaus zur Selbsttötung bestimmen können. Was diesen Einfluss sogar in dem vorliegenden Fall kennzeichnet, ist die Tatsache, dass Selbsttötungen von Kindern je nach Milieu verschieden sind. Sie sind nirgends so zahlreich wie in den großen Städten. Es ist doch so, dass das Leben in der Gesellschaft auch für das Kind früh anfängt, wie die Frühreife des kleinen Städters zeigt. Er ist früher und vollständiger der Zivilisation ausgesetzt und spürt früher und vollständiger ihre Wirkung. Daher kommt es auch, dass in den zivilisierten Ländern die Zahl der Kinder Selbsttötungen mit beklagenswerter Stetigkeit wächst" (Durkheim, 1897, S. 95f).
Die soziologische Untersuchung der Verteilung von Suiziden in Städten war in den 20/30iger Jahren Inhalt der Forschung der Chicagoer Schule, wobei eine Suizidhäufung in den Zentren großer Städte festgestellt wurde.
Die Psychiatrie hat sich bei der Behandlung Suizidaler lange Zeit auf die Vergabe von Psychopharmaka beschränkt. Durch Psychopharmaka und klinische Unterbringung allein ist jedoch der Suizidgefahr nicht zu entkommen, wie die hohe Zahl von Kliniksuiziden beweist. Die Suizidprophylaxe gewann erst spät an Bedeutung.
Die psychiatrische Grundauffassung, dass der Suizid der "Abschluss einer krankhaften Entwicklung" sei, wurde von dem Wiener Psychiater Prof. Dr. Erwin Ringel Anfang der fünfziger Jahre formuliert.
Ringel untersuchte 750 Krankengeschichten von suizidalen Patienten und formulierte aus den psychiatrisch beschriebenen Auffälligkeiten das präsuizidale Syndrom, eine Entwicklung, die schon einige Zeit vor dem Suizidversuch einsetzt und als Alarmzeichen einer suizidalen Gefährdung gesehen werden kann.
Das präsuizidale Syndrom umschreibt eine Trias aus Einengung, Aggressionsumkehr und Suizidphantasien. Die Einengung beschreibt eine regressive Bewegung, in der sich innere und äußere Entwicklungsmöglichkeiten immer mehr reduzieren, die Gefühlswelt zunehmend von Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit bestimmt ist. Sie umfasst eine affektive Einengung, sowie eine Einengung der Beziehungen mit der Tendenz zur Entleerung und Entwertung der Beziehungen.
In Verbindung mit einer gehemmten und gegen die eigene Person gerichteten Aggression kommt es zur Flucht in Selbsttötungsphantasien, die immer drängenderen Charakter annehmen. "In der Verfassung sein, die das präsuizidale Syndrom beschreibt, heißt, dass es nur noch ein Thema gibt, das den Menschen leidenschaftlich bewegt, seine Selbsttötung oder besser gesagt, die phantasierte Rettung seines Selbst durch die Vernichtung der Identität im Suizid" ( Schnell, 1993, S.149 )
Die diesem Modell zugrundeliegenden psychoanalytischen Erkenntnisse fließen in Ringels eigener Arbeit in der Selbsttötungsprophylaxe ein.
Die Psychologie hat sich dem Problem der Depression und der Selbsttötung mit der Arbeit von Freud zu "Trauer und Melancholie" (1916) und in bezug auf Kinder und Jugendliche mit der Debatte über die Schüler Selbsttötungen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung zum Beginn dieses Jahrhunderts angenommen. Die Psychoanalyse verstand die Selbsttötung zunächst hauptsächlich im Zusammenhang mit einer depressiven Störung. Der Depressive ist an einen Menschen in ambivalenter Weise (in Liebe und Hass) gebunden. Kommt es zu einem realen oder phantasierten Verlust des Objekts, kann die entstehende Aggression nicht nach außen gerichtet werden. Vielmehr wird das ambivalent besetzte Objekt in das Ich introjiziert. Die Aggression, die dem Objekt gilt, wird dann gegen das Selbst gewandt und äußert sich in Selbstanklagen, Selbstvorwürfen und Suizidalität.
Spätere analytische Arbeiten setzen sich intensiv mit der narzisstischen Krise als Ausgangspunkt suizidaler Handlungen auseinander (vgl. Henseler, 1974). Entscheidender Faktor ist dabei nicht mehr die nach innen gerichtete Aggression, sondern die Beeinträchtigung des narzisstischen Gleichgewichts als Regulativ des Selbstwertgefühls in der suizidalen Krise. Der Mensch in der narzisstischen Krise ist in seinem Selbstwertgefühl so stark beeinträchtigt, dass alle Verluste und Kränkungen als Katastrophe erlebt werden. Das narzisstische Gleichgewicht, d.h. die grundsätzliche Überzeugung trotz aller Versagens - und Kränkungserlebnisse ein akzeptabler Mensch zu sein, ist zunehmend labil geworden und droht zusammenzubrechen. Das Gefühl, nichts wert zu sein, nichts mehr leisten zu können, für niemanden mehr wichtig zu sein, wird immer dominanter. Ständig durch das Erleben von Hilflosigkeit und Ohnmacht, von der Angst sowie dem Schwinden aller Hoffnungen bedroht, wird versucht, sich durch den Rückzug aus sozialen Kontakten vor dem weiteren Zusammenbruch zu schützen. Der Suizidale sieht sich dem Leben in der Auseinandersetzung und Konflikthaftigkeit nicht mehr gewachsen. Konflikte werden als unerträgliche Zumutung äußerer Lebensumstände oder Bezugspersonen empfunden.
Vom Standpunkt der Kommunikationstheorien wird dem Appell-Charakter des Suizidversuches besondere Bedeutung beigemessen. Die suizidale Handlung wird als Kommunikationsversuch verstanden; es soll jemandem etwas mitgeteilt werden, was nicht in Sprache gefasst werden kann.
Alle Erfahrungen weisen darauf hin, dass in dem Prozess der Entwicklung bis zum Suizidversuch mehrere Faktoren wirksam werden. Die Schwierigkeit, aggressive Regungen gegen andere Menschen bei sich selbst zu akzeptieren und deutlich werden zu lassen, geht einher mit einer zunehmenden Verunsicherung des Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls. Gleichzeitig wird eine Beziehungsstörung wirksam, die es immer schwieriger macht, sich selbst zu verstehen und sich anderen Menschen verständlich zu machen. Die Selbsttötung wird dann zu einem Zeichen, einem Appell, der die abgebrochene Kommunikation wieder herstellen soll. Die Drohung, durch einen Suizid jede Beziehung abzubrechen, zielt paradoxerweise darauf, Beziehungen neu zu beleben.
Suizidalität ist keine Krankheit, sondern Symptom einer zugrundeliegenden Beziehungsstörung, die in ihrem Ausmaß und in ihrer Dynamik in sehr unterschiedlicher Weise gestaltet sein kann.

 

Die Krise - Selbstwerdung oder Ende des Lebens

Die "normalen", d.h. notwendigen Prozesse der Selbstwerdung und Selbstfindung im Jugendalter sind an sich schon als eine Lebenskrise zu verstehen, eine Krise, die die zentralen Bereiche des Menschen, die Persönlichkeit, das Selbst, zu ihrem Thema hat. Eine Krise ist als ein Prozess zu verstehen, der sich langsam oder schnell zuspitzt. Alle Methoden und Strategien, ein Problem zu bewältigen, haben versagt oder versagen. Es kommt zu einer Ansammlung, einer Ballung verschiedener Gefühle, die als unerträglich und spannungsreich empfunden werden. Jeder Mensch erlebt solche Prozesse im Laufe der Entwicklung. Er wird dadurch gezwungen, Altes aufzugeben, da es nicht mehr weiterhilft, und neue Möglichkeiten in sich selbst und in seiner Umwelt zu entwickeln und einzusetzen.
Ursprünglich bedeutet der aus dem griechischen kommende Begriff "Krise" "Entscheidung".
Eine Krisenzeit ist eine Zeit großer Labilität, aber auch großer Offenheit für Neues, eine Zeit großer Wandlungsfähigkeit, aber auch erhöhter Anfälligkeit, Verletzlichkeit und Kränkbarkeit. Sie beinhaltet sowohl entwicklungsfördernde Momente - ist insofern ein kreativer Prozess - als auch zerstörerische oder selbstzerostörerische Tendenzen.
Die Krise des Jugendalters, deren Inhalt die Erschütterung der gesamten Persönlichkeit, des Selbstwertgefühls, der äußeren Werte und Sicherheiten ist, kann nur dann erfolgreich bewältigt werden, wenn der Mensch in seinem bisherigen Leben eine innere Sicherheit und Stabilität, sozusagen einen "Selbstkern" entwickeln konnte, der dann die Basis bildet, um diese Erschütterungen aushalten zu können. Im Jugendalter werden außerdem vermehrt Anforderungen nach Selbständigkeit, Zukunftsplanung etc. durch die Umwelt, besonders durch die Eltern, an die Jugendlichen herangetragen. Die Umgebung, der Freundeskreis, aber vor allem die Beziehung zu den Eltern müssen relativ stabil, d.h. nicht grundsätzlich fragwürdig sein. Besteht die Gefahr, die Zuwendung der Eltern ganz zu verlieren, wenn die Ablösung beginnt, ist dieser Schritt kaum zu bewältigen. Die Anforderungen, die durch die weitere Umwelt, die Schule, Ausbildung, die Gesellschaft an die Jugendlichen herangetragen werden, können unter bestimmten Bedingungen zu einer Überforderung werden und zu einer weiteren Verunsicherung beitragen. Eine Schulbildung, die vor allem Leistungs- und Konkurrenzdenken fördert und weniger Gewicht auf die inneren Wachstums- und Reifungsprozesse des Individuums legt, sowie eine Gesellschaft, die mit der Umwelt und der Zukunft gleichgültig und zerstörend umgeht, kann den Heranwachsenden wenig Verständnis, Sicherheit und Mut für die Zukunft vermitteln. Instabile äußere und innere Bedingungen des Lebens für die Jugendlichen und die Familien, aber auch rigide und unflexible Einstellungen und Verhaltensweisen können dazu führen, dass die Entwicklungskrise sich zu einer Krise ausweitet, die die psychische und physische Gesundheit bedroht. Probleme aus der Entwicklungsgeschichte des einzelnen und auch der Familie, die bisher erfolgreich verdrängt werden konnten, kommen nun massiv an die Oberfläche, verstärken die innere Spannung und führen zum Anwachsen des Unbehagens und der Angst. Die ganze Person kann dann als grundsätzlich bedroht erlebt werden. So wird das Nachdenken über den Sinn des Lebens zu immer mehr Zweifel über sich selbst bis zur Verzweiflung über dieses Leben. Hoffnungslosigkeit, Resignation, Wut, die nicht mehr ausgedrückt werden kann, Rückzug von anderen, Einsamkeit und zunehmende Sprachlosigkeit verdichten sich, werden zu einem inneren Chaos, das dann in einem Selbsttötungsversuch seinen - oft zunächst schwer verständlichen - Ausdruck findet.

 

Der Selbsttötungsversuch - ein Wunsch zu sterben?

Jeder Selbsttötungsversuch erzählt uns eine Geschichte, die schon lange vorher begonnen hat. Es ist eine Geschichte von Selbstentdeckung, Selbstzweifel, von Versuchen, sich anderen verständlich zu machen, Versuchen, sich selbst zu verstehen, und dem Scheitern dieser Versuche. Es ist die Geschichte der unbändigen Wut auf andere, auf sich selbst, die erschüttert, Angst macht, unterdrückt werden muss. Es ist auch die Geschichte der Kränkung, der Nichtachtung, Verletzung und erlittenen Verspottung der eigenen Persönlichkeit, der eigenen Wünsche, Hoffnungen und Ängste. Es ist die Tragödie der versuchten Anpassung an die Anforderungen und Wünsche der wichtigsten Bezugspersonen, des Scheiterns dieser Anpassung und damit der Erfahrung des "Nie - richtig - seins", "Es - nie - recht - machen - Könnens". Es ist auch die Geschichte der versuchten Lösung, Trennung von den Eltern, die bereits in den ersten Lebensjahren begonnen hat. Das Gelingen oder Misslingen der ersten unabhängigen Schritte, der ersten Verselbständigung, die Wertschätzung, Verurteilung oder Überforderung, die diese erste Trennungsleistung hervorruft, bilden das Script, die Dramaturgie für alle weiteren Ablöse- und Trennungsprobleme, die der Mensch in seinem Leben zu bewältigen hat. Die ersten Verselbständigungsversuche können dann misslingen, wenn sie von den Eltern z.B. aus übergroßer Sorge und Angst nicht geschätzt, unterbunden oder abgewertet werden. Sie können auch dann zum Problem werden, wenn sie von den Eltern zu sehr begrüßt werden, zu schnell zu viel Selbständigkeit vom Kind gefordert wird und ihm die Rückkehr zu den Eltern und damit die Möglichkeit, neue Kraft zu tanken, verweigert wird. Dann wird sich die Bewegung der Verselbständigung nicht nach dem Rhythmus des Kindes, sondern nach den Bedürfnissen der Eltern vollziehen. Das Kind passt sich zwar an, entwickelt aber nicht in ausreichendem Maße die innere Sicherheit seiner errungenen und gelungenen Selbständigkeit und der Wichtigkeit und Wertschätzung seiner Persönlichkeit. In den erneut und nun geballt auftretenden Ablöse-Anforderungen des Jugendalters bestimmen diese frühen Probleme des Jugendlichen und seiner Eltern, wie dieser Reifungsschritt bewältigt werden kann. Mit dem Selbsttötungsversuch oder der Drohung hat der/die Jugendliche seine Lebensgeschichte, d.h. seine ganze Lebenserfahrung auf einen Punkt gebracht, verdichtet und zugespitzt: "Ich will nicht mehr (weiter-) leben, ich will nicht mehr sprechen, nicht mehr leiden, nicht mehr verantwortlich sein, nicht mehr fühlen!" Der Selbsttötungsversuch zeigt nicht in erster Linie eine Todessehnsucht, sondern eine Lebensverzweiflung.
Er weist auf die momentan als ausweglos empfundene Lebenssituation und die lange vorher begonnene Geschichte von Selbstzweifeln, Angst und tiefer Unsicherheit der Beziehungen hin. Er ist auch der Versuch, das "Unsagbare" auszudrücken. Der Selbsttötungsversuch zeigt den Wunsch nach Trennung und Lösung. Er zeigt auch den Hass, die unbändige Wut und Zerstörungslust. Er sagt aus: "So wie bisher geht es nicht, anders kann ich nicht." Er ist gleichzeitig der Wunsch, dass alle Schwierigkeiten aufhören mögen, der Wunsch nach einem Ende aller Angst, Verzweiflung, der Wunsch nach Geborgenheit und Einheit mit sich. Er ist ein Signal, ein Schrei, der auch sagt: "Wenn ich nicht dramatisiere, hört mich keiner". Er ist Erpressung und zeigt damit die Unsicherheit über die Verlässlichkeit anderer Menschen.
Selbsttötungsgefährdeten Jugendlichen erscheint das Leben als das Mörderische, das Abweisende, das Abgestorbene. Mit dem Tod werden alle Lebenshoffnungen, alle lebendigen und schönen Phantasien verbunden. Der Tod soll nun das herbeiführen, was im Leben nicht erreichbar scheint, Ruhe und Geborgenheit, das Ende des Überlebenskampfes.
Ein Selbsttötungsversuch drückt somit gleichzeitig die Verzweiflung am Leben und die Sehnsucht nach dem Leben - das anders sein möge als bisher - aus.
Wenn wir die Geschichte, die zu einem Selbsttötungsversuch geführt hat, verstehen wollen, müssen wir mit dem Ende beginnen. Die Lebenssituation, in der der/die Jugendliche lebt und in der der Selbsttötungsversuch gemacht wurde, enthält zusammengefasst und in verschlüsselter Form die Bestandteile dieser Geschichte. Viele verschiedene Bedingungen sind zusammengekommen und haben zu einer Zuspitzung der Krise beigetragen. Eine davon ist der Anlaß des Selbsttötungsversuches, der häufig auf den ersten Blick als banal erscheint, aber den Schlüssel für das Verständnis der Problemgeschichte enthält.
Ist der Anlass z.B. die Trennung einer Liebesbeziehung, so ist dies wichtig zu nehmen, wobei gleichzeitig gefragt werden muss, wie es dazu kommen konnte, dass Trennung lebensbedrohlich geworden ist, warum die Einstellung zu sich selbst so zerstörerisch werden konnte und wieso niemand da war, dem der/die Jugendliche sich mitteilen konnte, der ihn ernst genug genommen hätte. Ist der Anlass ein schlechtes Zeugnis, so ist zu fragen, wie es zu solch einer Überschätzung des Leistungsbereiches kommen konnte, dass eine Leistung den Wert des Lebens ausmacht und wer in der Familie, möglicherweise auch sehr versteckt, die Leistungswerte bestimmt.
Man kommt dem Problem nur näher, wenn man nach der ersten "Warum-Frage" nicht aufgibt: Warum wird ein alltäglicher Konflikt so gewaltig, welche Erinnerungen und Erfahrungen hat er wachgerufen, welchen Stellenwert hat dieser Konflikt im Leben der Jugendlichen, der Familie, gegen wen könnte sich die Wut, der "Tötungswunsch" noch richten, wer will den Jugendlichen "los sein", welcher Auseinandersetzung, welcher Wahrheit wird in der Familie ausgewichen?

 

Die Familie

Wie bei dem einzelnen trifft es auch auf die ganze Familie zu, dass in Krisenzeiten bisher verdeckte Spannungen und Konflikte, besonders die Probleme in den Beziehungen untereinander, plötzlich und massiv an die Oberfläche kommen. Nicht nur die Jugendlichen, sondern die ganze Familie durchlebt eine Krise. Ein Selbsttötungsversuch und auch die Selbsttötungsgefährdung zeigen, dass die Familie ihre Konflikte nicht mehr ohne Hilfe bewältigen kann. Häufig ist in den Familien eine schon lange vorher entstandene Beziehungs- und Kommunikationsstörung festzustellen. Dies kann sich z.B. so auswirken, dass Probleme und Konflikte nicht mehr miteinander ausgetragen, sondern "totgeschwiegen" und "unter den Teppich gekehrt" werden. Oder in der Familie bestimmen Unsicherheit, Unverständnis oder auch Respektlosigkeit den Umgang miteinander. Unterschwellige Vorwürfe und Enttäuschung, unausgesprochener Ärger und Wut haben sich angesammelt und "vergiften" die Atmosphäre.
Betrachtet man die Familiengeschichten, kann man eine gewisse Häufung von Bedingungen feststellen, die zu einem Selbsttötungsversuch führen können, aber nicht zwangsläufig müssen. Sie können sich auch in anderen selbstzerostörerischen Verhaltensweisen wie Drogenkonsum, Essstörungen oder psychosomatischen Krankheiten einen Ausdruck verschaffen.

Hier einige Beispiele bestimmter Familiengeschichten, die zu einem selbstzerostörerischen Verhalten führen können:
- Die Familiengeschichte ist von plötzlichen Trennungen, Tod oder Selbsttötung eines Verwandten bestimmt. Die schmerzliche Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen und den Gefühlen ist nicht gelungen, das Geschehen zu einem Tabu geworden.
- Eine Trennung ist nicht real vollzogen, aber ein Beziehungspartner, oft der Vater, ist nicht wirklich anwesend oder nicht "greifbar". Zum anderen Elternteil, der Mutter, kann eine sehr intensive, andere ausschließende Beziehung entstehen. Unerfüllte Wünsche, Enttäuschungen, Lebensängste der Mutter können dann die Bedürfnisse des Kindes an den Rand drängen. Wächst das Kind heran und will selbständig werden, sich lösen, muss es den "Lebensinhalt" der Mutter massiv in Frage stellen. Die Beziehung der Eltern miteinander muss dann zum Thema werden.
- Konflikte zwischen den Eltern werden über das Kind ausgetragen, es muss Partei ergreifen und ist hin - und hergerissen. Plötzlich sind sich die Eltern wieder einig, die Rollen, die das Kind einnehmen muss, wechseln ständig. Es muss sich ständig den Bedürfnissen der Eltern anpassen, alles ist verwirrend, undurchschaubar. Das Kind wird ausgenutzt und überfordert. Es kann sich nie "richtig" verhalten, da es sich immer gegen ein Elternteil wenden muss.
- Konflikte werden nicht geklärt, sondern durch Verschweigen oder durch das "Recht des Stärkeren" entschieden. Das Kind erlebt Spannungen, "Explosives" im Untergrund und lernt nicht, sich auszudrücken.
- Alle Erfahrungen von Gewalt in der Familie, offene oder unterschwellige Feindseligkeit und Hass, Misshandlungen, sexueller Missbrauch bestimmen das Selbstwertgefühl. Gewalt durch die Eltern erfahren zu müssen, kann die Schwelle, sich selbst Gewalt anzutun, erheblich verringern. Dazu kommt, dass Gewalterlebnisse in der Familie, besonders sexueller Missbrauch, in Peinlichkeit und Scham versteckt und verschwiegen, zu einem Familiengeheimnis werden. So kann das Kind sich darüber nicht äußern, muss alles in sich verbergen und gerät so noch mehr in ein Gefühl der Aussichtslosigkeit und Resignation.
- Nicht nur die Erfahrung körperlicher Gewalt beeinträchtigt das Selbstwertgefühl. Auch psychische Gewalt kann zerstören. Dazu gehören z.B. Erniedrigungen, Verspottungen, Entwertungen, übermäßige Kontrolle und Einengung und auch Aussagen wie: "Man hätte dich besser abgetrieben" oder "wenn ich gewusst hätte, wie du bist, hätte ich dich nicht geboren."
Ganz offenkundig häufen sich solche Familienkonstellationen in der Vorgeschichte der Jugendlichen. In unserer Arbeit können wir die Entwicklung bis hin zu einem Selbsttötungsversuch deutlich nachzeichnen und nachvollziehen. Man kann sehen, daß sich in den Familien ein starkes Gewalt - und Aggressionspotential aufgestaut hat, das sich in einem Selbsttötungsversuch entlädt.


Zusammenfassung

Der Selbsttötungsversuch ist ein Versuch, in radikaler Form die Beziehungen zu anderen Menschen abzubrechen und gleichzeitig aufzunehmen. Er ist eine in sich widersprüchliche Handlung. Er ist, so seltsam das klingen mag, der Wunsch, endlich einmal frei zu leben. Da ist einerseits der Wunsch, tot zu sein, der die Sehnsucht ausdrückt nach dem Ende aller Anstrengungen, Schmerzen und Leiden, nach Ruhe und Geborgenheit.
Andererseits zielt eine solche Handlung aber immer auch auf das Leben und auf die Lebenden ab. Die Jugendlichen suchen nicht nur mehr oder weniger bewusst den Tod, sondern sie wollen immer auch auf jemanden einwirken, ein Zeichen setzen. Ein Selbsttötungsversuch oder bereits seine Ankündigung kann ein verzweifelter Hilferuf, das wirklich allerletzte Mittel sein, bei den Eltern, in einer Liebesbeziehung, einer Freundschaft etc. etwas zu verändern.
Ein Selbsttötungsversuch kann den Sinn haben, die Familie zusammenzuhalten, sie zum gemeinsamen Handeln zu zwingen. Manchmal ist es der letzte, verzweifelte Versuch, aus dem erdrückenden Wirrwarr familiärer Beziehungen und unvereinbarer Gefühle zu entfliehen.
Jeder Selbsttötungsversuch ist ernstzunehmen, auch wenn die Mittel, die gewählt wurden, nicht zum Tode führten. Die Absicht ist es auch dann, eine selbstzerostörerische Handlung zu begehen. Einem "leichten" Selbsttötungsversuch, der nicht ernstgenommen wird, folgen oft weitere Versuche.
Jeder Selbsttötungsversuch - aber auch die Ankündigung - zeigt, dass schwere Probleme vorhanden sind, die der betroffene Jugendliche, das Kind oder die Familie nicht mehr alleine lösen können. Diese Probleme müssen herausgefunden, die geeigneten Hilfen angeboten und die Probleme zusammen mit den Betroffenen bearbeitet werden.
Der Umgang und die Auseinandersetzung mit Selbsttötungsgefährdeten Jugendlichen und deren Familien muss entsprechend der zugrundeliegenden Struktur akzeptierend und flexibel, gefühlvoll und klar, nicht verurteilend und ausgrenzend sein. Die Betroffenen sollen ihre Probleme als eigene annehmen, die Krise aufarbeiten und für sich als eine Entwicklungschance nutzen können.
Die Arbeit mit Selbsttötungsgefährdeten muss die Betroffenen vor der zerstörenden Gewalteinwirkung schützen, aber nicht ein "Krankheitssymptom" oder einen "Mangel" beseitigen, sondern vielmehr zur kreativen Entfaltung der besonderen Persönlichkeit verhelfen.



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